Koreanische Partikel: 은/는 und 이/가 endlich unterscheiden

Koreanische Partikel sind kurze Silben, die hinter ein Wort gehängt werden und dessen Rolle im Satz festlegen. Die beiden schwersten sind 은/는 und 이/가: 은/는 markiert das Thema, also worüber gesprochen wird, und 이/가 markiert das Subjekt, also wer oder was gerade etwas tut oder ist.

Das ist die kurze Antwort. Sie hilft dir beim Übersetzen einer Grammatiktabelle, aber nicht beim Sprechen, weil du in dem Moment, in dem du einen Satz baust, entscheiden musst, welche der beiden gerade passt. Dieser Artikel gibt dir zwei Tests, die aus dem Deutschen kommen und dir diese Entscheidung abnehmen.

Was sind Partikel im Koreanischen überhaupt?

Koreanisch ist eine agglutinierende Sprache. Das heißt: Die Funktion eines Wortes im Satz steckt nicht in seiner Endung wie im Deutschen (der Hund, den Hund, dem Hund), sondern in einem eigenen kleinen Baustein, der hinten drangehängt wird und selbst unverändert bleibt. Dieser Baustein ist die Partikel.

Der praktische Vorteil: Weil die Partikel die Rolle markiert, ist die Wortstellung im Koreanischen freier als im Deutschen. Das Verb steht immer am Satzende, davor darf vieles verschoben werden, ohne dass der Satz kippt. Wie der koreanische Satzbau insgesamt funktioniert, steht ausführlich in unserem Artikel zur koreanischen Grammatik.

Das sind die zehn Partikel, die du im ersten Lernjahr wirklich brauchst:

Partikel Funktion Beispiel
은/는 Thema des Satzes 저는 학생이에요 (jeoneun haksaengieyo) – Ich bin Student.
이/가 Subjekt des Satzes 친구가 왔어요 (chinguga wasseoyo) – Ein Freund ist gekommen.
을/를 direktes Objekt 김치를 먹어요 (gimchireul meogeoyo) – Ich esse Kimchi.
Ziel, Zeitpunkt, Ort ohne Handlung 학교에 가요 (hakgyoe gayo) – Ich gehe zur Schule.
에서 Ort einer Handlung, Herkunft 학교에서 공부해요 (hakgyoeseo gongbuhaeyo) – Ich lerne in der Schule.
Besitz 친구의 책 (chingu-ui chaek) – das Buch des Freundes
auch 저도 학생이에요 (jeodo haksaengieyo) – Ich bin auch Student.
nur 물만 주세요 (mulman juseyo) – Nur Wasser, bitte.
와/과 und, mit (zwischen Nomen) 김치와 밥 (gimchiwa bap) – Kimchi und Reis
로/으로 Richtung, Mittel 버스로 가요 (beuseuro gayo) – Ich fahre mit dem Bus.

Eine wichtige Eigenheit: 도 und 만 verdrängen 은/는, 이/가 und 을/를. Du sagst 저도 학생이에요, nicht 저는도. Bei 에 und 에서 dagegen wird gestapelt: 학교에서도 공부해요 (hakgyoeseodo gongbuhaeyo) – Ich lerne auch in der Schule.

Welche Form der Partikel hängst du an welches Wort?

Bevor es um die Bedeutung geht, muss die Form stimmen. Die Wahl zwischen 은 und 는 hat nichts mit Bedeutung zu tun, sondern allein damit, ob das vorhergehende Wort auf einen Konsonanten oder auf einen Vokal endet. Ein Wort endet auf einen Konsonanten, wenn die letzte Silbe einen Schlusskonsonanten hat, den sogenannten Batchim.

Wort Endet auf Thema Subjekt Objekt
학생 (haksaeng) – Student Konsonant 학생은 학생이 학생을
친구 (chingu) – Freund Vokal 친구는 친구가 친구를
선생님 (seonsaengnim) – Lehrer Konsonant 선생님은 선생님이 선생님을
사과 (sagwa) – Apfel Vokal 사과는 사과가 사과를
물 (mul) – Wasser Konsonant 물은 물이 물을
커피 (keopi) – Kaffee Vokal 커피는 커피가 커피를

Drei Formen sind unregelmäßig und müssen auswendig gelernt werden: 저 plus 가 wird zu 제가 (jega), 나 plus 가 wird zu 내가 (naega), 누구 plus 가 wird zu 누가 (nuga). Beim Thema bleibt alles regelmäßig: 저는, 나는.

Wenn du beim Erkennen des Batchim noch unsicher bist, hilft ein Blick auf die Schrift selbst. Wie die Silbenblöcke aufgebaut sind, erklären wir Schritt für Schritt im Artikel zur koreanischen Schrift.

Wann benutzt du 이/가?

이/가 markiert das grammatische Subjekt und rückt es in den Vordergrund. Es beantwortet die Frage: Wer oder was? In diesen fünf Fällen ist 이/가 die richtige Wahl:

  1. Etwas taucht zum ersten Mal auf. 친구가 왔어요 (chinguga wasseoyo) – Ein Freund ist gekommen. Der Freund war vorher kein Thema.
  2. Bei einer Frage mit Fragewort und in der Antwort darauf. 누가 왔어요? (nuga wasseoyo) – Wer ist gekommen? Antwort: 동생이 왔어요 (dongsaengi wasseoyo) – Mein jüngeres Geschwisterkind ist gekommen.
  3. Bei 있다 und 없다. 시간이 없어요 (sigani eopseoyo) – Ich habe keine Zeit. Wörtlich: Zeit existiert nicht.
  4. Beim Beschreiben eines Zustands. 날씨가 좋아요 (nalssiga joayo) – Das Wetter ist gut. 사과가 맛있어요 (sagwaga masisseoyo) – Der Apfel schmeckt gut.
  5. Wenn du korrigierst oder betonst, wer es war. 제가 했어요 (jega haesseoyo) – Ich war es.

Wann benutzt du 은/는?

은/는 markiert nicht das Subjekt, sondern das Thema. Es sagt: Über dieses Ding rede ich jetzt. Vier typische Fälle:

  1. Du stellst dich oder etwas vor, das schon bekannt ist. 저는 학생이에요 (jeoneun haksaengieyo) – Ich bin Student.
  2. Du stellst zwei Dinge gegenüber. 커피는 좋아하지만 차는 안 좋아해요 (keopineun joahajiman chaneun an joahaeyo) – Kaffee mag ich, Tee nicht.
  3. Du setzt einen Rahmen für den ganzen Satz, meist zeitlich. 오늘은 날씨가 좋아요 (oneureun nalssiga joayo) – Heute ist das Wetter gut.
  4. Du sprichst über eine allgemeine Eigenschaft. 김치는 매워요 (gimchineun maewoyo) – Kimchi ist scharf.

Wie hilft dir das Deutsche bei der Entscheidung?

Hier liegt der Punkt, an dem die meisten deutschsprachigen Erklärungen aufhören und du mit dem Wort Thema alleingelassen wirst. Dabei hat das Deutsche für genau diesen Unterschied ein eigenes Mittel: den Artikel.

Der Artikeltest. Übersetze deinen Satz ins Deutsche und schau dir den Artikel vor dem Nomen an. Steht dort ein unbestimmter Artikel, weil das Ding neu ins Gespräch kommt, nimmst du 이/가. Steht dort ein bestimmter Artikel, weil beide Seiten schon wissen, wovon die Rede ist, nimmst du 은/는.

Ein Freund ist gekommen: 친구가 왔어요. Der Freund ist Deutscher: 그 친구는 독일 사람이에요 (geu chinguneun dogil saramieyo). Der Artikelwechsel im Deutschen und der Partikelwechsel im Koreanischen passieren an derselben Stelle aus demselben Grund.

Der Betonungstest. Sprich den deutschen Satz laut. Liegt die Satzbetonung auf dem Nomen selbst, weil es die eigentliche Neuigkeit ist, nimmst du 이/가. Liegt die Betonung auf dem, was danach kommt, während das Nomen nur den Rahmen setzt, nimmst du 은/는. Im Deutschen erledigt die Stimme diese Arbeit, im Koreanischen erledigt sie die Partikel.

Deutscher Satz Was dahintersteckt Partikel
Ein Freund ist gekommen. neue Information 이/가
Der Freund ist Deutscher. bekannte Information 은/는
Wer war das? – Ich war es. Antwort auf ein Fragewort 이/가
Kaffee mag ich, Tee nicht. Gegenüberstellung 은/는
Was mich angeht, ich bin Student. Rahmen für den Satz 은/는
Das Wetter ist gut. Beschreibung eines Zustands 이/가

Die beiden Tests widersprechen sich selten. Wenn doch, gewinnt der Artikeltest, weil er auf die Informationsstruktur zielt und die Betonung im Deutschen auch andere Gründe haben kann.

Was passiert, wenn beide im selben Satz stehen?

Genau das ist der Satztyp, an dem sich zeigt, ob du die Partikel verstanden hast. Koreanisch erlaubt Thema und Subjekt nebeneinander, Deutsch braucht dafür zwei Sätze oder einen Nebensatz.

오늘은 날씨가 좋아요 (oneureun nalssiga joayo). Wörtlich: Was heute angeht, das Wetter ist gut. 오늘은 setzt den Rahmen, 날씨가 ist das, worüber im Rahmen etwas ausgesagt wird.

저는 시간이 없어요 (jeoneun sigani eopseoyo). Wörtlich: Was mich angeht, Zeit existiert nicht. Auf Deutsch sagst du schlicht: Ich habe keine Zeit. Dass 시간 und nicht 저 das grammatische Subjekt ist, sieht man im Deutschen überhaupt nicht mehr.

여기가 우리 집이에요 (yeogiga uri jibieyo) – Hier ist unser Haus. Mit 여기는 würde der Satz bedeuten: Was diesen Ort hier angeht, das ist unser Haus, im Gegensatz zu einem anderen Ort. Beides ist korrekt, aber es sind zwei verschiedene Aussagen.

Welche Fehler machen deutsche Lernende am häufigsten?

  1. 은/는 mit dem Nominativ gleichsetzen. Der häufigste Denkfehler: 은/는 wird als koreanische Version von der, die, das gelernt. Es ist aber kein Fall, sondern eine Markierung der Informationsstruktur. Deshalb kann 은/는 auch an ein Objekt treten: 커피는 좋아해요 statt 커피를 좋아해요, sobald ein Kontrast gemeint ist.
  2. Bei Fragewörtern 은/는 benutzen. 이름이 뭐예요? (ireumi mwoyeyo) – Wie heißt du? Mit 이름은 klingt es nach: Und dein Name, wie war der noch mal? Das ist nicht falsch, aber selten das, was du sagen willst.
  3. Bei 있다 und 없다 zu 은/는 greifen. Standard ist 시간이 있어요. 시간은 있어요 heißt: Zeit hätte ich schon, aber etwas anderes fehlt.
  4. Sich dauernd mit 제가 vorstellen. Wer sich vorstellt, ist Thema, nicht Neuigkeit: 저는. 제가 gehört in Sätze, in denen du klarstellst, dass du es warst und niemand sonst.
  5. Den Batchim übersehen. 학생는 und 친구은 sind mechanische Fehler, die schnell verschwinden, wenn du bei jeder neuen Vokabel gleich mitlernst, ob es auf einen Konsonanten endet.
  6. Partikel weglassen, bevor man sie kann. Im gesprochenen Alltagskoreanisch fallen Partikel oft weg, und Lernende übernehmen das früh. Lass sie erst weg, wenn du sie sicher setzen kannst, sonst fehlt dir später die Grundlage für die schriftliche Sprache.

Wie übst du das konkret?

Partikel lernst du nicht durch Regeln, sondern durch Sätze, bei denen du dich entscheiden musst. Ein Vorschlag für 20 Minuten am Tag, fünfmal die Woche:

  1. 5 Minuten Wiedererkennen. Nimm fünf koreanische Sätze aus deinem Lernmaterial und markiere in jedem, welche Partikel steht. Nur markieren, nicht übersetzen.
  2. 10 Minuten Entscheiden. Schreibe fünf deutsche Sätze auf, übersetze sie und wende bei jedem Nomen den Artikeltest an. Notiere die Begründung in drei Wörtern daneben, etwa neu oder bekannt oder Kontrast.
  3. 5 Minuten Kontrollieren. Vergleiche mit dem Original oder einer Lösung. Nur die Sätze, bei denen du danebenlagst, schreibst du am nächsten Tag noch einmal.

Rechne mit etwa acht bis zwölf Wochen in diesem Rhythmus, bis die Entscheidung ohne bewusstes Nachdenken fällt. Bei Sätzen mit Thema und Subjekt zugleich dauert es länger, oft ein halbes Jahr. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass du zu langsam bist.

Wer dafür Material auf Deutsch sucht: dream.dream ist ein deutschsprachiger Anbieter von Lernmaterial für Koreanisch, darunter das praktische Übungsbuch, in dem Partikel als eigenes Kapitel mit Lückensätzen zum Ausfüllen behandelt werden. Wofür das Buch nicht gemacht ist: Es ersetzt weder Hörtraining noch Sprechpraxis mit einem Gegenüber, und wenn du bereits sicher zwischen Thema und Subjekt unterscheidest, ist das Kapitel für dich zu einfach.

Wenn du noch ganz am Anfang stehst und wissen willst, in welcher Reihenfolge du dir Schrift, Wortschatz und Grammatik vornimmst, findest du das im 12-Wochen-Fahrplan für Anfänger. Die Wörter, an denen du die Partikel übst, stehen im koreanischen Grundwortschatz.

Häufige Fragen

Wie viele Partikel gibt es im Koreanischen?

Eine feste Zahl gibt es nicht, weil sich Partikel kombinieren lassen und Grammatiken unterschiedlich zählen. Für den Alltag reichen die zehn aus der Tabelle oben. Alles Weitere kommt beim Lesen von selbst dazu.

Kann ich Partikel im Gespräch einfach weglassen?

Im lockeren gesprochenen Koreanisch werden 은/는, 이/가 und 을/를 häufig weggelassen, wenn die Rolle aus dem Zusammenhang klar ist. Beim Schreiben und in höflichen Situationen bleiben sie stehen. Als Lernender solltest du sie zuerst sicher setzen können, bevor du sie weglässt.

Ist 은/는 dasselbe wie der bestimmte Artikel im Deutschen?

Nein, aber die beiden überschneiden sich oft, und genau das macht den Artikeltest brauchbar. Der deutsche Artikel gehört zum Nomen, die koreanische Partikel markiert die Rolle im Satz. Es gibt Fälle, in denen der Test nicht greift, etwa bei Aufzählungen oder in Nebensätzen, wo 이/가 auch bei bekannten Dingen steht.

Was ist 께서?

께서 (kkeseo) ist die höfliche Form von 이/가 und wird benutzt, wenn das Subjekt eine Person ist, der du Respekt entgegenbringst. 선생님께서 오셨어요 (seonsaengnimkkeseo osyeosseoyo) – Die Lehrerin ist gekommen. Die höfliche Form des Themas lautet 께서는.

Warum steht bei 좋아하다 manchmal 는 statt 를?

Weil 은/는 die Objektpartikel verdrängen kann, sobald ein Kontrast gemeint ist. 커피를 좋아해요 heißt neutral: Ich mag Kaffee. 커피는 좋아해요 heißt: Kaffee mag ich, im Unterschied zu etwas anderem, das gerade im Raum steht.

Muss ich die Unterscheidung für den Anfang wirklich beherrschen?

Nein. Wenn du die falsche der beiden Partikel benutzt, verstehen dich Koreanerinnen und Koreaner in aller Regel trotzdem, weil der Satzbau die Rolle mit trägt. Die Unterscheidung entscheidet darüber, ob du natürlich klingst, nicht darüber, ob du verstanden wirst.


Geschrieben von Nils Blache, Gründer von dream.dream – deutschsprachiges Lernmaterial für Koreanisch.

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